Die Konzilsbeschlüsse 1870

Die Entstehung der Altkatholischen Kirche geht zurück in das Jahr 1870, als beim 1. Vatikanischen Konzil in Rom zwei neue Lehren beschlossen wurden:

  1. Der Papst ist unfehlbar, wenn er neue Glaubens- und Morallehren offiziell verkündet.
  2. Der Papst hat unmittelbare Befehlsgewalt über alle Christ/innen (Jurisdiktionsprimat).

Viele Laien, Theologen und Priester hielten damals die neuen Lehrmeinungen für unvereinbar mit dem Zeugnis der Bibel und mit dem Glauben der alten Kirche. Die Kritik kam vor allem aus dem deutschsprachigen Raum. Der wohl bedeutendste Kirchenhistoriker dieser Zeit, Ignaz von Döllinger, legte mehrere Werke vor, mit denen er zeigen konnte, dass die beiden Lehren theologisch und historisch unhaltbar waren.

Wer seinen Zweifel an den Konzilsbeschlüssen öffentlich ausdrückte, wurde von der römisch-katholischen Kirche exkommuniziert. Die so Ausgeschlossenen gründeten notgedrungen eigene Gemeinden. Eine eigene Kirche wollte man zunächst nicht gründen, da man auf die Rücknahme der Konzilsentscheidungen hoffte. Erst als eine solche nicht absehbar war, wurden eigene altkatholische Kirchen gegründet. Den Wortteil "alt" wählte man in Abgrenzung zu den neuen Lehren nach dem 1. Vatikanischen Konzil.

Gemeinde- und Kirchengründung in Österreich

1871 begründete ein Aktionskomitee eine vorläufige altkatholische Gemeinde in Ried im Innkreis, die Kontakt mit Ignaz von Döllinger aufnahm. In Warnsdorf (damals Österreich-Ungarn, heute Tschechien) entstand auch eine altkatholische Bewegung.

Ebenfalls 1871 wurde der altkatholischen Bewegung in Wien die St. Salvator Kapelle im alten Rathaus überlassen. Am 15. 10. 1871 feierte dort Pfarrer Alois Anton mit über 1.000 Menschen den ersten altkatholischen Gottesdienst. Einen Tag später belegte der Wiener Erzbischof die Salvator-Kapelle mit dem Interdikt: Ein/e röm.-kath. Christ/in durfte diese Kapelle unter Strafe nicht mehr betreten. Erst 1969 wurde dieses Interdikt von Kardinal König wieder aufgehoben.

Schon 1873 wurde der erste altkatholische Bischof in Deutschland geweiht. Durch den Druck der rom-treuen Habsburger-Monarchie in Österreich wurde die Altkatholische Kirche hier erst 1877 staatlich anerkannt und bekam 1879 ihre erste Kirchenverfassung, durch die das Kirchenleben bischöflich-synodal (demokratisch) geordnet wurde. Die erste Synode hatte u.A. folgende Themen:

  • Teilnahme der Laien an der Kirchenleitung
  • Aufhebung des Zwangs zur Ohrenbeichte
  • Aufhebung des Pflichtzölibates
  • Einführung der Landessprache beim Gottesdienst
  • Abschaffung der Ablässe und des Reliquienkultes
  • Aussegnung bei Feuerbestattungen (damals unüblich bzw. untersagt)

Bis 1924 verweigerte der österreichische Staat die Weihe eines altkatholischen Bischofs mit der Begründung, die wenigen Altkatholik/innen könnten ihn nicht standesgemäß unterhalten. Das Bistum bekam "nur" einen provisorischen geistlichen Leiter, einen Bistumsverweser. Erst 1924 wurde Adalbert Schindelar erster Bischof der Altkatholischen Kirche Österreichs.

1899 bis 1910 traten - vor allem in Böhmen - 20.000 neue Mitglieder der altkatholischen Kirche bei. Darunter viele Sozialist/innen, Liberale und Deutschnationale, die mit dem Denken der röm.-kath. Kirche nicht einverstanden waren und oft vom politischen Katholizismus diskriminiert wurden.

Entwicklung der Altkatholischen Kirche Österreichs seit 1900

1902 beschloss die österreichische Synode, dass die Trennbarkeit von Ehen bei schwerwiegenden Gründen (z.B. bei andauernder Gewalt an der Frau) möglich sei. Besonders geschiedene Frauen lebten damals "in Schande" und hatten keine soziale Sicherheit! Mit der Trennung war für sie auch die Möglichkeit einer zweiten sakramentalen Trauung verbunden.

In den 1930er Jahren kam es zu einer weiteren großen Beitrittswelle, darunter viele Sozialist/innen, die im Ständestaat große Probleme hatten. Beamt/innen ohne Bekenntnis durften damals ihren Beruf nicht mehr ausüben. So fanden viele Menschen in der Altkatholischen Kirche einen formellen Anschluss zu einer anerkannten Religionsgemeinschaft. Ihren Antiklerikalismus und ihre Ablehnung gegen religiöse Formen brachten sie aber mit. Oftmals traten nur die Männer der Kirche bei, Frauen und Kinder blieben römisch-katholisch. Die Altkatholische Kirche konnte von diesen Beitritten somit nicht längerfristig "profitieren".

Mit 1938 beginnt ein dunkles Kapitel unserer Kirchengeschichte: Die Altkatholik/innen sandten nach dem Anschluss ihre Huldigungsgrüße an Hitler. Sie erhofften sich als Nationalkirche Vorteile von einer Anbiederung an das neue Regime. Bei einer Synode wurde sogar der Antrag gestellt, dass ein Priester, der den Juden hilft, sein Amt verliert. Die Hoffnungen erfüllten sich nicht, das NS-Regime löste die altkatholischen Vereine auf, der Religionsunterricht fand unter Schwierigkeiten statt und die Priester mussten in den Krieg ziehen. Bis zum Kriegsende war man bereits gegen die Nationalsozialisten eingestellt. Heute ist die Altkatholische Kirche Österreichs klar gegen anti-demokratisches, faschistisches und menschenverachtendes Gedankengut positioniert.

Nach dem zweiten Weltkrieg bedurfte es eines neuen Selbstverständnisses für die Alkatholische Kirche Österreichs. Ein Hauptwerk des damaligen Bischofs Török ist die Liturgie-Reform in den 1950er Jahren, die in einem intensiven Miteinander aller Altkatholik/innen entstand. Die tätige Teilnahme aller Gläubigen am Gottesdienst und der Abschied von einer abgehobenen Liturgie stehen seit damals im Vordergrund. Nicht der/die Priester/in feiert den Gottesdienst, sondern es ist das "heilige Amt der Gemeinde". Nur wenn eine Gemeinde vorhanden ist, darf ein/e altkatholischer Priester/in Gottesdienst feiern.

In den 1980er Jahren begann der Salzburger Pfarrer Warnung, zusammen mit der Gemeinde Anträge zur Zulassung von Frauen in geistliche Ämter an die Synode zu stellen. Die Diskussion um die Frauenordination begann. Der Prozess dauerte bis zur Synode 1997, in der die Frauenpriesterweihe beschlossen wurde. 1998 wurden die ersten beiden Frauen in Österreich zu katholischen Priesterinnen geweiht.

1994 beschloss die Synode, dass gleichgeschlechtlich liebende Menschen in unserer Kirche (gleichwertig) willkommen sind. Heute werden gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen auf Wunsch in einer gottesdienstlichen Feier gesegnet, das Sakrament der Ehe wird aber weiter auf Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau hin definiert.

 

Die altkatholische Bewegung in Salzburg

Der Anstoß zur Gemeindebildung kam bereits 1907 vom suspendierten Priester Hans Kirchsteiger, der den altkatholischen Pfarrer Erb aus Ried nach Salzburg holte. Der erste altkatholische Gottesdienst wurde am 06. 01. 1907 in der evangelischen Christuskirche in der Schwarzstraße gefeiert. Danach war diese Gemeinschaft in Salzburg Teil der Kirchengemeinde Ried im Innkreis.

Erst 1920 bekamen die Salzburger einen eigenen Seelsorger vor Ort, Franz Marschalt. 1922 versammelten sich die Salzburger Altkatholik/innen zur Konstituierung ihrer Kirchengemeinde, zur Wahl des Pfarrers und des Gemeindevorstandes. 1924 wurde der Gemeinde der Marmorsaal im Schloss Mirabell als Kirche übergeben.

1938 wurde dann vom NS-Regime die Schlosskapelle zur Verfügung gestellt, weil der Marmorsaal für die (neuen) standesamtlichen Trauungen benötigt wurde.

Heute hat die Altkatholische Kirchengemeinde Salzburg etwa 900 Mitglieder (Stand: Jänner 2016; inkl. Diasporagemeinde Vorarlberg). Seit einigen Jahren wächst die Kirchengemeinde stetig an Mitgliedern und hat mit vielen aktiven Kindern, Jugendlichen und Familien auch eine hoffnungsvolle Zukunft.

 

Altarraum der Schlosskirche Mirabell

Altarraum der Schlosskirche Mirabell
seit 2012

Die Utrechter Union

1889 schlossen sich weltweit alle altkatholischen Bischöfe in der Utrechter Union zusammen. Der österreichische Bischof wurde dann 1924 aufgenommen. Die Utrechter Union ist ein Zusammenschluss der selbstständigen altkatholischen Landeskirchen, die durch ihre Bischöfe in dieser Union vertreten sind. Die Bischöfe der Utrechter Union treten regelmäßig zur Internationalen Bischofskonferenz (IBK) zusammen, deren Präsident der Erzbischof von Utrecht ist. Die IBK ist für alle Fragen zuständig, die die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft der Altkatholischen Kirchen sowie die Beziehungen zu anderen Kirchen betreffen. Sie trägt auch Sorge, dass die Grundpfeiler der altkatholischen Bewegung in den einzelnen Kirchen erhalten bleiben.

In der Bonner Erklärung von 1931 wurde die volle Kirchengemeinschaft zwischen Anglikanern und Altkatholiken vereinbart. Bei Reise oder Umzug in ein Ausland mit anglikanischer Kirche (z.B. England, Irland, USA, Kanada) sind es diese Gemeinden, die für Altkatholik/innen seelsorglich zuständig sind.

 

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Quellen und Lesenswertes

Dr. Christian Blankenstein (2004): Altkatholiken in Österreich. Geschichte und Bestandsaufnahme. Böhlau-Verlag: etwa 1.000 S. samt Bilderteil.
(Zu beziehen durch jede Buchhandlung, Preis ca. 70 Euro.)

Alfred Rinnerthaler (2008): Eine Kirche für Salzburgs Altkatholiken. Kontroversen rund um die Errichtung einer altkatholischen Kirchengemeinde in Salzburg. Frankfurt am Main u.a.: 178 S., 21 Abb., zahlr. Tab. ISBN 978-3-631-57083-8